Vista & DRM

von Georg Binder 29. December 2006 13:01
Peter Gutmann,  Professional Paranoid (Eigenbeschreibung laut Homepage) vom Department of Computer Science der University of Auckland hat mit seinem Artikel zu DRM und Vista "A Cost Analysis of Windows Vista Content Protection" einiges Aufsehen in der Webwelt verursacht. Er beschreibt darin die Auswirkungen von DRM in Windows Vista.

Vorab ein bisschen Info, dann meine Meinung:

Was ist DRM:
Digital Rights Management ermöglicht Content Anbietern die Verbreitungskontrolle über ihre "Premium" Inhalte, dazu gehört z.B. Musik oder Filme. Beim Kauf von DRM geschützten Inalten erwerbe ich eine Lizenz, die mir je nach dem, einiges erlaubt und meist vielmehr verbietet, z.B. wie oft/lange ich etwas hören darf, ob ich die Lizenz auf ein anderes Gerät übertragen darf, ob ich es auf CD brennen darf, usw...

Was ist der Vorteil für Kunden?
Ähm,... DRM ist meiner Meinung nach kein direkter Vorteil, den ich als Kunde habe. Der einzige indirekte Vorteil ist, dass meine Inhalte verfügbar sind, denn ohne Kopierschutz/DRM will z.B. Hollywood keine hochauflösenden Filme auf den Markt bringen. Ähnlich verhält es sich z.B. mit einer Diebstahlsicherung in einem Kaufhaus, davon hab ich als Kunde mal direkt auch nichts, ich weiß allerdings, dass die Preise auch den Anteil beinhalten, der gestohlen wird,... insofern könnte man argumentieren, dass Diebstahlsicherung auch Preise niedriger hält (hinkt, den digitale Inhalte sind ja quasi ohne Kosten vervielfältigbar, es macht keinen Unterschied, ob ich 10 Dateien oder 10 Millionen Dateien kopiere)

Was ist der Nachteil für Kunden?
Das einfache Kopieren von Inhalten fällt flach, d.h. z.B. derzeit kann ich iTunes Musik nur mit der Playersoftware (und iPods) von Apple abspielen, aber nicht auf ein beliebiges anderes Gerät transferieren. Selbes Spiel, wenn ich per Zune ein Lied kaufe. Ach ja kaufen: selbstverständlich muss so geschützte Musik gekauft werden,... Interoperabilität zwischen den einzelnen Anbietern DRM geschützter Inhalte und Player steht zwar auf jedermanns Wunschliste,... aber gibt's eben (noch) nicht. Deswegen war ja auch Bill Gates von DRM nicht begeistert.

Wer setzt DRM ein?
Populäres Beispiel für DRM wäre z.B. iTunes. Außerdem werden hochauflösende Filme auf BluRay und HD-DVD ebenso geschützt sein.

Was ist HDCP?
High-bandwidth Digital Content Protection (HDCP) heißt, dass jedes Gerät in der Abspielkette den Kopierschutz berücksichtigt und ein Abgreifen des digitalen Datenstroms verhindert, d.h. von der Player Hardware über die Software über alle beteiligten Chips, Ports usw... bis zum Ausgabegerät (Plasma, Beamer,..). Digitalen Output in volle Auflösung gibts nur, wenn die "Kette" sauber ist! HDCP sieht auch vor, dass Geräte auf eine Blacklist wandern können, die Blacklist z.B. auf jeder HD-DVD drauf, und so zurückgerufen werden können (Driver/Device Revocation). Heißt: ich habe z.B. (reales Beispiel übrigens) einen Samsung DVD-HD945 Player (ein DVD Standalone Player), bei dem sich HDCP durch Eingabe eines Codes deaktivieren lässt (samt Regionalcode, deswegen war die Eingabe notwendig^^). Wäre das ein HD-DVD oder BluRay Player und ich lege eine neue Disk ein, die dieses Gerät bereits als "gecrackt" führt ein, dann bleibt der Bildschirm schwarz,... so lange bis ich wieder eine reparierte Firmware einspiele, wo das deaktivieren von HDCP nicht mehr möglich ist.

Vista & DRM
Eingebaut in Vista ist ein umfassendes System, digitale Inhalte zu schützen, Output Copy Protection. Hier müssen alle beteiligten Komponenten (Treiber, Grafikkarte, Soundkarte,...)  mitspielen. Sollte ein Treiber nicht "mitspielen", wird - im worst case - die Wiedergabe verweigert.

Meine Meinung zu A Cost Analysis of Windows Vista Content Protection:

Positiv: Anders als die übliche FUD Propaganda der FSF hält sich dieser Artikel weitestgehend an Fakten, natürlich merkt man eine gewisse persönliche Voreingenommenheit.

Nur seine Schlussfolgerungen sind meiner Meinung nach nicht ganz nachvollziehbar:

  • DRM ist nicht nur ein Vista Thema (das wird zwar gesagt, aber trotzdem dreht sich der gesamte Artikel um Vista). Das ganze Szenario geht genauso mit einem Standalone-BluRay Player (z.B. einer PS3) und einem Anzeigegerät nach Wahl (Beamer, Plasma,..). Selbes Spiel! "Böse" ist DRM, nicht Vista.
  • Es ist Marktwirtschaft, d.h. warum nicht auch Hardware wie eine Grafikkarte herausbringen, die zwar DX10 usw... kann, aber bewusst auf HDCP verzichtet! Sollte also, wie vom Autor vermutet, der Preis für Systemkomponenten hinaufgehen - wegen HDCP-um so besser für HDCP-lose Teile. Damit kann man auch Werbung machen: Aufkleber HDCP-free, nur mit dem Hinweis, dass man eben keine DRM geschützten Videos mit dem Teil abspielen kann.
  • Es kann mich NIEMAND zwingen, eine DRM geschützt BD, HD-DVD, DVD oder CD zu kaufen. Ich muss halt u.U. auf den Content verzichten.
  • Das Szenario (DOS, Driver Revokation) wird nur bei DRM geschützten Video/Musik Tracks schlagend - d.h. Auswirkungen auf den Arbeitsalltag in Vista gleich NULL, also z.B. wird man Arbeits-PC jetzt langsamer? Nein, woher denn?! Ausnahme: man sieht beim Arbeiten nebenbei einen Film,...
    Ebenso der völlig reißerische Satz im Golem-Teaser: "Zusätzlich bestehe das Risiko, dass Menschenleben gefährdet werden" ist Blödsinn. Es sei denn, man stirbt, wenn man nicht sofort den Film sieht. Glaub ich, kommt recht selten vor.

Quellen für mehr Information findet man bei Microsoft mit den Suchbegriffen HDCP, DRM oder OPM (z.B. hier), bzw. in Peter Gutmanns Analyse.

Weil ich in diesem Zusammenhang schon oft gelesen über Befürchtungen gelesen habe :

  • Eigene Inhalte sind NICHT davon betroffen, d.h. das Familienvideo, die mp3 Sammlung, usw... sind nicht plötzlich DRM geschützt.
  • Rippen von Musik CDs: wenn die Quelle eine "normale" Musik-CD ist, dann kann auch weiterhin gerippt werden.
  • Worst Case ist, dass der Film nicht wiedergegeben wird. Weder wird automatisch eine Cruise-Missle auf das Abspielgerät abgefeuert, noch Vista stillgelegt.

lg
georg

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Allgemein

 

Comments (4) -

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12/29/2006 1:01:00 PM #

Ich denke, hier eine endgültige Antwort zu geben müssen wir wohl technisch Versierteren überlassen, hoffe dass heise sich des Themas annimmt. Wenn ich mir Gutmanns Biographie so anschaue so ist er jedenfalls keiner von den Doofen, ich würde seine technischen Argumente jedenfalls nicht so einfach wegwischen.

Was ich als problematisch erlebe, ist dass hier Windows um Funktionalität erweitert wurde, die praktisch niemandem nützt, aber bis tief in die Kernbestandteile hinein verwoben ist. Was das System erneut komplizierter und langsamer und fehleranfälliger macht. Gutmanns Argumente mit der Verteuerung von Treiberentwicklung und Hardware sind ein Beispiel dafür. Und die Frage ist wohl, warum müssen wir alle unter den Folgen leiden, wenn nur ein paar überhaupt das Bedürfnis haben, ihren PC als Super-HD-BlueRay-Videomaschine zu verwenden (wobei ich nach wie vor glaube dass die HDVD und BlueRay den Weg der SACD gehen werden, aber was weiß schon ich).

Siehe ZB: "If you upgrade from Windows XP to Windows Vista, you need faster hardware to be able to do the same things you did on Windows XP with slower and cheaper hardware. And that mostly because Microsoft added loads of software that does absolutely nothing of real use to the end-user and could easily have been left out."

www.miraesoft.com/.../

"To me, Microsoft’s introduction of this level of bizzare complexity into the hardware and software platform, simply tends to reinforce the refrain of one of my colleagues: I ain’t going anywhere near Vista."

identitymeme.org/.../

Und wozu überhaupt DRM in dem Ausmaß? Was will MS wirklich?
DRM sorgt in den meisten Fällen ohnehin nur dafür, dass all jene, die sich regulär Musik gekauft haben, irgendwelche Probleme damit haben, das Zeug dann auch wirklich abzuspielen (darum hat Gates sich ja auch kürzlich dagegen ausgesprochen) - die Raubkopierer sind meist technisch versiert genug, DRM zu umgehen, und bis jetzt wurde noch jedes System geknackt.

Auch Gutmann warf die Frage auf, warum MS so viel mehr Energie hinein steckt, all den filmischen und "musikalischen" Schrott zu schützen als meine auf dem PC gespeicherten Bankdaten. Das Trusted Computing sollte dem Schutz meiner Daten dienen - statt dessen wird Milli Vanilli geschützt...

Robert Gruber | Reply

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12/29/2006 1:01:00 PM #

Das ganze DRM, Content Protection ... muss globaler betrachtet werden.  Mir ist es egal ob Vista Drm, Apple/Ipod, sun's DReaM ... DRM verändert die Kultur und dadurch die Gesellschaft.

Es bremst die soziale Entwicklung die mit "Web2.0" angefangen hat. Wikipedia, kann ich editieren. => Read and Write. DRM geschützte Dateien kann ich nicht editieren => Read Only. Jeder der eine Diplomarbeit geschrieben hat weiß, dass gerade durch die Diskussion neue Ideen aufgegriffen werden und durch zitieren "geremixt" werden. Daraus entsteht was neues. Wo wären wir heute wenn jede Diplomarbeit DRM geschützt wäre?

Dass DRM längerfristig irrelevant werden wird (insbesondere das Geschäftsmodell dahinter) zeigt zb. dieser Artikel:
http://news.bbc.co.uk/1/hi/magazine/5305520.stm
Stücke werden nachgespielt, oft in Gruppen, neue Kompositionen entstehen usw. Mit Videos passiert dies ebenfalls. zB. mashups: http://www.ifilm.com/collection/2064
Mit google maps passiert eigentlich auch das selbe beermapping.com/maps/citymaps.php?m=washington
Im wesentlichen gehts hier nur um Information. Im weiteren Sinn erschwert DRM die Nutzung von Information, die Argumentation von neuen Erkenntnissen und dadurch wird der übergang in eine moderne Wissensgesellschaft verlangsamt.

Ein evtl. interessantes Video dazu:
debian.tu-bs.de/.../...ig-code-vs-culture-t3s1.wmv

Und auf diesem Video ist kein DRM Schutz drauf, man kann es im Unterricht als Diskussionsgrundlage verwenden, du kannst es auf deinen zune kopieren und in deiner oma zeigen.

Hinzuweisen ist dass ich das ganze sanft formuliert habe. Ich sage weder dass DRM wie in Vista irgendwelche Kosten oder leute sterben, aber DRM passt einfach nicht zu einer entstehenden Wissensgesellschaft. Und dies behaupt ich, ist durch zig Beispiele belegt worden. Das beste davon ist Wikipedia.

Christoph | Reply

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12/29/2006 1:01:00 PM #

>"halt keinen HD-Film mehr anschauen kann".
> Na und? Auf meinem Monitor ist das eh unsinnig.


Eben! Das ist es ja!

Zitat "Es geht darum, wie Gutmann ja auch ausgeführt hat, dass MS sich vertraglich verpflichtet hat, die Qualität auf jedem Computer der Welt systemweit herunter zu setzen, sobald au dem Computer nicht lizenzierte bzw. gecrackte Hardware oder Treiber entdeckt werden."

--> genau in diesem Punkt wird Gutmann meiner Meinung nach missverstanden, bzw. nimmt er es selbst nicht so genau. Kann ich nicht beurteilen.

Auschließlich bei der Wiedergabe von DRM-geschütztem Content, d.h. nur so lange z.B. eine Musik gespielt wird (die so geschützt ist!), wird z.B. SPDIF out abgeschalten. In dem Moment wo die Wiedergabe von DRM-geschützem Content beendet ist, ist das System auch wieder friedlich.

Spitäler betrifft das nicht, denn HD Ausgabe z.B. für Röntgenbilder sind ja wohl nicht DRM geschützt... wieder der Fall: solange der Radiologe nicht gleichtzeitig Harry Potter schaut, hat es ein glasklares HD Bild.

Selbst wenn der die Driver Revocation zugeschlagen hat, so wird auf VGA nur bei Filmwiedergabe zurückgeschalten - wohlgemerkt der DRM geschützte Originalfilm, der Rest, also z.B. ein Film, der durch ausnutzen einer Lücke, wie z.B derzeit AACS-Story, kann natürlich in HD Wiedergegeben werden. Auf welchem Treiber auch immer, sei es ein gehackter Omega-ATI Treiber mit VLC, ...

Quelle:
download.microsoft.com/.../TWEN05005_WinHEC05.ppt
z.B. die Slide mit: "Unprotected content still plays"

Fazit: Keine einzige Industrieanwendungen wird von DRM lahmgelegt sein, keine Simulation oder sonst irgendetwas ist in irgendeiner Weise davon betroffen...

Georg Binder | Reply

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12/29/2006 1:01:00 PM #

Ich habe gerade den Original-Artikel gelesen und wollte mal die Meinungen auf einer Pro-Vista Seite dazu lesen (ich selbst verwende XP, werde wohl aber die Weihnachtsfeiertage zum Ubuntu Ausprobieren nutzen, und um Vista wollte ich so und so einen großen Bogen machen, nach Gutmanns Artikel jedenfalls einen noch größeren).

Ihrere Gegenargumentation kann ich jedenfalls nicht folgen. Es geht nicht darum, dass man dann "halt keinen HD-Film mehr anschauen kann". Na und? Auf meinem Monitor ist das eh unsinnig.

Es geht darum, wie Gutmann ja auch ausgeführt hat, dass MS sich vertraglich verpflichtet hat, die Qualität auf jedem Computer der Welt systemweit herunter zu setzen, sobald au dem Computer nicht lizenzierte bzw. gecrackte Hardware oder Treiber entdeckt werden. D.h. wenn irgendwer auf dem Planeten meinen Onboard-Chip crackt, wird meine Soundausgabe verkrüppelt oder deaktiviert, egal ob ich sie überhaupt verwende oder nicht. Gleiches gilt für die Video-Ausgabe, die dann zB auf VGA herunter gesetzt wird.

Und hier kam das Argument mit den Menschenleben: In Anwendungen wie Spitälern oder Traffic Control gibt es nun mal HD Videoausgabe, und das ist auch gut so, und nein, die verwenden die nicht zum "Mission Impossible" Schauen.

Was richtig ist: Das gleiche gilt für HD-DVD und Blue Ray Player. Wenn ein Player einer Serie irgendwo auf dem Planeten gecrackt werden, werden alle Player dieser Serie nur mehr LowRes ausgeben (soweit die Theorie). Darum kauf ich mir auch keinen.

Auch Gutmann hat die Frage gestellt, was MS eigentlich dann wirklich machen wird: Riskieren, dass etliche Industrieanwendungen wie CAD, Medizinische Visualisierungen, Simulationen auf einmal nur mehr in VGA zu sehen sind (das wird vermutlich teuer) oder sie nicht deaktivieren (wo sie dann von der Medienindustrie geklagt werden, und das wird auch teuer).

Robert Gruber | Reply

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