Hier mein Review bzw. “Langzeit-Test” zum aktuellem Flaggschiff, dem ersten Windows Phone von Nokia. Seit knapp einem Monat darf ich das Gerät auf Herz und Nieren testen. Wobei… ich habe es einfach zum täglichen Begleiter gemacht, so lassen sich wohl am besten Rückschlüsse ziehen.

Exec-Summary
Weil das ein längerer Artikel ist, das wesentliche Vorab: das Testgerät, das mir Nokia netterweise zur Verfügung gestellt hat, war überzeugend. Trotz mancher Anmerkung hier, habe ich mir das Nokia Lumia 800 dann selbst gekauft. Das Gerät löst einfach einen “Will-haben”-Reflex aus, weil es optisch etwas hermacht, sich ausgezeichnet anfühlt und mit Windows Phone 7.5 ein sauschnelles und durchgestyltes Betriebssystem hat. Und nun die Langfassung:
Die Software: Windows Phone
Eigentlich sollte ich wohl jetzt noch eine kurze Einführung in Windows Phone geben, aber ich setzte voraus, dass der Leser weiß, was Windows Phone kann (und nicht kann). Microsofts Windows Phone ist ein schnelles, modernes Betriebssystem mit einer eigenen Formensprache (“Metro”), die wir jetzt auch schon auf der Xbox sehen und zukünftig auch bei Windows 8. Microsoft hat sich gefunden, nun endlich auch vom Design. Speziell seit der Version 7.5 bekommt Windows Phone von (fast) allen Seiten positive Rückmeldungen. Der Marktanteil spiegelt die zahlreichen positiven Reviews und Kritiken allerdings noch nicht wieder. Hardwarehersteller waren bisher u.a. HTC und Samsung, nun kommt der Partner Nokia dazu, der sich ganz Windows Phone verschrieben hat. Das erste Gerät aus dem Hause Nokia ist nun das Lumia 800.
Die Hardware: Lumia 800
Herausstechend ist das vom Nokia N9 entliehene Polycarbonat-Gehäuse (Monoblock, Unibody,…), das es in drei Farben gibt: schwarz, cyan und magenta. Der Screen ist abgerundet in das Gerät eingelassen, was dem Teil einfach einen edlen Anstrich gibt. Die Spezifikationen selbst sind unspektakulär und bewegen sich im Rahmen dessen, was Microsoft den Hardwareherstellern vorgibt:
- 3.7” ClearBlack AMOLED Display mit WVGA 800x480 Auflösung
- 1450 mAh Akku
- Größe: 116.5 x 61.2 x 12.1 mm
- Gewicht: 142 g
- 16 GB Speicher
- 8 MP Kamera mit Dual-LED-Lampe und Carl Zeiss Optik
Zur Hardware einige Anmerkungen:
USB-Abdeckung
Neben der Kopfhörerstecker öffnet ein Druck auf eine kleine Erhöhung die USB-Abdeckung, die man zum Laden und für Zune benötigt. Da ich das Leih-Gerät unbeschädigt zurückgeben will, habe ich die Abdeckung keinem Belastungstest unterzogen. Würde ich auch nicht raten, da sollte man nicht hängen bleiben - im geöffneten Zustand. Irrtümlich kann man die Klappe vermutlich nicht öffnen, da man wirklich mit dem Fingernagel direkt auf diese eine Stelle einen Druck ausüben muss. Ich halte es für ausgeschlossen, dass man das in der Hosentasche unbeabsichtigt öffnet.

Micro-SIM
Nokia setzt übrigens auf die Micro-SIM Karten, so man vorher nicht ein iPhone User gewesen ist, muss diese also umgetauscht werden. Ich habe mir die SIM-Karte selbst zurechtgeschnitten, das ging auch ;) Um an den Slot zu kommen, muss erst die USB-Abdeckung aufgeklappt werden , dann kann man den Verschiebe-Mechanismus herausziehen. Sieht etwas filigran aus, aber da man die SIM-Karte im Normalfall selten wechselt wird das weniger stören.
Akku
Nun, ich hatte insgesamt drei Geräte im Einsatz, keines wies eine Besonderheit auf. Angeblich wird bei manchen Geräten der Akku nicht gänzlich geladen. Meine Kapazität wird mit 1464 mAh angezeigt, jedenfalls laut Diagnose App, die man durch einen “Anruf” bei ##634# sichtbar macht. Sollte ein zukünftiges Update den Akku mehr laden bzw. die Laufzeit verlängern,… gerne. So kann ich nur sagen: hält einen Tag, wie jedes andere Smartphone (Ich bin nicht sehr stromsparend, mehrere Exchange-Server, Dauer-Sync, Bluetooth, WLAN).
Was ich nicht prickelnd finde: der Akku ist nicht wechselbar (der Preis für das Uniblock-Design). Einen Ersatzakku mitnehmen inkludiert also auch den Service-Techniker für den Einbau.
Kamera
Da hätte ich etwas mehr erwartet. Es ist eine sehr gute, aber keine ausgezeichnete Kamera. Ausgezeichnet sind die Fotos nur, wenn die Beleuchtung sehr hell ist (Tageslicht). Dünklere Szenen sind nicht so der Hit. Besser als die Kamera vom meinem LG-Handy sind die Fotos allemal,… also hohes Smartphone-Niveau, aber kein Ersatz für eine Spiegelreflexkamera (gut, ….).
Screen
Absolutes Highlight, das 3.7” ClearBlack AMOLED Display ist sensationell. Muss man gesehen haben.
Tasten
Ich bin persönlich ja kein unbedingter Fan der Sensortasten, speziell beim Spielen kommt man schon mal an. Aber Nokia hat es gut gelöst, streicht man vom Bild heraus über eine der Sensortasten, so wird diese nicht “gedrückt”.
Fehlende Feinheiten
Obwohl das Lumia ein Gerät der zweiten Generation ist (also schon mit Windows Phone 7.5 ausgeliefert wird) fehlen einige technische Feinheiten wie z.B. Gyroskop oder eine Frontfacing Kamera (FFC). Ich habe eben aufgrund des Fehlens der FFC die letzten Wochen jeden iPhone User, der mir über den Weg gelaufen ist, befragt, wie oft die Front-Kamera (z.B. für Facetime) in Benutzung ist. Sagen wir’s mal so: ich habe ein paar gefunden, die sie mal ausprobiert haben. Somit wäre eine FFC wohl ein “nice to have”, aber kein wirklicher Minuspunkt, wenn sie eben fehlt.
In diese Kategorie fällt auch das fehlende Gyroskop, das eine genauere Lagebestimmung des Phones erlaubt und bei Windows Phone eine optionale Komponente ist, siehe dazu MSDN. Durch den Beschleunigungssensor und den Kompass ist die Lagebestimmung dennoch vollkommen ausreichend, das kann man z.B. mit Wikitude auch schön nachvollziehen.
Performance
Windows Phone ist schnell, am Lumia sogar noch ein wenig schneller. Im direkten Vergleich mit meinem alten LG E900 konnte ich schon nachvollziehen, dass das Ding von der schnelleren CPU profitiert. Das mag man beim Startscreen nicht bemerken, da ist Windows Phone einfach immer schon super flüssig gewesen. Um hier einen Unterschied zu messen, habe ich die wohl mit Abstand am langsamsten ladende App genommen, die ich kenne: “Pflanzen vs. Zombies”. Hier ist das Lumia beim Laden um immerhin 5 Sekunden schneller.
Der Standard meint übrigens im Video-Review bezüglich der Performance, dass “ein Zweikern-Prozessor wie bei Android-Flagschiffen gut tun würde” und versucht dies anhand des Browser zu untermauern. Witzigerweise mit derStandard-Webseite. Nun dürfte sich schon allgemein herumgesprochen haben, dass Androids einen Dual-Core brauchen, damit es nicht gar so stark ruckelt. Dieses Problem hat Windows Phone einfach nicht. Nicht dass “mehr” nicht “besser” wäre, aber… Anders als die Redakteure (iPhones) verwende ich Windows Phone tagtäglich. Ja: die WebStandard Seite ist in der Desktopvariante nicht die schnellste. Dürfte wohl an der Seite liegen. Aber das Internet hat ein paar Webseiten mehr, und weder sind mir “recht häufige Darstellungsfehler” noch ein “schlecht lesbares Schriftbild” aufgefallen. Wer Zweifel an der (Browser-)Geschwindigkeit hat, der sollte sich mal dieses Video ansehen: Browser speedtest Nokia Lumia 800, iPhone 4, Samsung Galaxy Nexus
Das alles ist also recht positiv, der einzige wirkliche negative Punkt, den man bei Nokia in Bezug auf “Hardware/Treiber” anbringen muss: obwohl es sich hierbei um ein Windows Phone der 2. Generation handelt, hat das Lumia 800 (noch) kein Tethering bzw. Internet Connection Sharing. Es bleibt zu hoffen, dass dieses durch ein Update nachgeliefert wird und dass auch Kunden von gebrandeten Geräten dieses Update erhalten.
Nokia Software
Nicht nur bei der Hardware möchte Nokia herausstechen, auch die Software soll ein Unterscheidungskriterium sein. So sind einige Nokiaanwendungen am Lumia bereits vorinstalliert.
Nokia Navigation
Exklusiv für Lumia-Nutzer installiert Nokia auf den Geräten eine Navigations-Software namens Nokia Drive. Wobei man dem deutschsprachigen Benutzer das Wort “Drive” offenbar nicht zutraut, es heißt hierzulande Nokia Navigation. Beim ersten Start muss man noch die gewünschte Stimme (Sprache und männlich/weiblich) herunterladen und die gewünschten Karten. Je nach Land können das schon mal einige hundert MB sein, weswegen dieser Download zwingend eine WLAN-Verbindung erfordert. Karten können auch später noch jederzeit (über WLAN) heruntergeladen werden. Das Ziel kann per Adresse eingegeben werden, auch Points of Interest (POI)-Suche ist möglich (“Tankstelle”).
Das Kartenmaterial sieht aktuell aus (kein Wunder, ist doch Nokia mit der Tochter NAVTEQ einer der größten Kartenanbieter der Welt). Die Routenplanung erfolgt zügig, Windows Phone 7.5 wird voll unterstützt (Multitasking/Fast Application resume). Eine “richtige” Navigationssoftware eben. Für die Routenplanung selbst und die Suche ist allerdings eine Online-Verbindung notwendig. Es handelt sich also hierbei (noch!) um keine reine Offline-Navigation. Da bietet sich doch ein Update an,… dennoch, das ist mal eben zumindest ein Vorteil von 85 EUR (soviel würde z.B. Navigon für Windows Phone kosten).
So sieht das in Bewegung aus:
Nokia Maps
Die (zu deutsch) Nokia Karten sind eine reine Online-Anwendung, erlaubt aber auch die Routen-Planung für Auto, sowie auch für Fußgänger und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Bei den Öffis wird in Wien die U-Bahn und die Straßenbahn, nicht allerdings die Buslinien miteinbezogen. Auch hier kann eine Suche nach POI erfolgen, ähnlich der in BING-Ländern verfügbaren Phone Funktionalität wo in der Nähe des aktuellen Standortes gesucht werden kann (“Local Scout”).
Nokia Music
Während die Kartenanwendungen durchaus zu begeistern wissen, enttäuscht Nokia Musik dafür. Mangels Rechte gibt es die “Mix Funktion”, wo man Musik streamen kann nicht. Es bleibt lediglich ein MP3-Store, wo man die Lieder einzeln kaufen kann (und zumindest gratis kurz reinhören kann) und eine “Konzerte in deiner Nähe” Funktion.
Damit bleibt die “Garagenfirma” Spotify zumindest in Österreich wohl der einzige Anbieter, der im 21. Jahrhundert angekommen ist, weil es die internationalen Konzerne wie Microsoft oder Sony nicht schaffen, ein entsprechendes Streaming-/Abo-Angebot (das sie in “wichtigen” Ländern haben) mit den lokalen Verwertungsgesellschaften auf die Beine zu stellen.
App-Highlights
Weitgehend überflüssig: eine App, wo nur ein “Best-of” des Marketplaces präsentiert wird. Ok,… Nokia will wohl die Kundenzufriedenheit steigern, und so gleich die Perlen präsentieren. Für Windows Phone Neulinge ganz ok, sie gibt auch Empfehlungen aus, wenn man das Telefon schüttelt.
Kontake übertragen Damit lassen sich Kontakte von einem älteren Telefon über Bluetooth auf das Lumia übertragen um den Umstieg zu erleichtern. Um das zu Testen habe ich versucht, ein altes Handy von mir zu finden, wo ich die Kontakte noch nicht mit Exchange synchronisiert hatte, bzw. direkt mit Outlook. Leider konnte ich keines mehr finden, bzw. das, das ich gefunden habe (Siemens S65) wollte nicht mehr anspringen.
Weitere Apps
Damit nicht genug, Nokia arbeitet an weiteren Apps, einige wurden auf der CES kürzlich schon gezeigt, z.B. Nokia City Lens oder Nokia Transport.
Qualität
Das Testgerät, das ich von Nokia hatte, war einwandfrei, ein anderes Gerät (vom Versandhändler) ging fast postwendend zurück – Fehler beim Touchscreen (Phantomeingaben, teils gar keine Reaktion vom Touchscreen mehr,…). Gut, kann passieren, bei der Recherche, ob das andere auch betrifft, konnte ich zwar viele Benutzer anderer Hersteller mit ähnlichen Problemen finden, allerdings gerade mal zwei Lumia-Kunden. Und die Lösung war immer: Austausch. Hier stellt sich eher die Frage, wie die Endkontrolle der jeweiligen Auftragsfertiger aussieht, in diesem Fall Compal. Aber bei so wenigen Problemen.. ja Montagsgerät, soll es ja auch von Mercedes geben.
Eine Kleinigkeit, die allerdings öfter im Netz zu lesen ist: die seitlichen Taster haben mitunter etwas Spielraum und wackeln etwas. Das ist bei mir mit einem Gerät bei den Lautstärke-Tasten der Fall. Andere Benutzer berichten von der Kamerataste oder dem Einschaltknopf. Ich kann nur vermuten, dass das Aufgrund des Polycarbonat-Monoblock-Gehäuses eine etwas schwierige Konstruktion sein mag. Trübt ein wenig das Vergnügen und den ansonsten wirklich tadellosen und hochwertigen Eindruck. Allerdings nicht täuschen lassen: das ist jammern auf höchstem Niveau, gerade die Qualität des Devices, also der äußere Eindruck und dann eben auch das Gefühl, wenn man es denn in der Hand hält, hat bei mir zu vielen ungeplanten Windows-Phone-Präsentation geführt, ob im Freundeskreis oder im beruflichen Umfeld. Das Gerät löst einen (berechtigten) Will-haben-Reflex aus.
Branding
Branding durch den Provider bringt für den Benutzer keinen Vorteil, das betrifft vor allem zukünftige Updates, die erst vom Provider angefordert und freigegeben werden müssen. Aber wenn man ein “Null-EUR”-Handy haben will, dann muss man das eben in Kauf nehmen (oder unter Verlust der Garantie und mit nicht lizensierter Software aus vermutlich illegaler Quelle flashen, siehe z.B. Handy-FAQ.de “Debranding Lumia 800”).
Beim Lumia konnte ich aufs erste keine wirklichen Branding Nachteile entdecken, das mir zur Verfügung gestellte Gerät hatte ein Orange-Branding. Etwas … sinnfrei: Bei Windows Phone kann man für die Kacheln zwischen 10 Farben plus einer durch den OEM oder Provider anpassbaren Farbe wählen. Diese “OEM-Farbe” ist bei Nokia das “Nokia Blue”, eine feiner, etwas dünklerer Blauton. Beim gebrandeten Gerät musste dieser der Farbe “Orange” weichen und das, obwohl mit “Mango” ein beinahe identer Farbton im Basisset vorhanden ist. Gut, das Marketing wird es freuen, dem Rest ist es wohl eh egal.
Lieferumfang
Abschließend noch ein Wort zum Lieferumfang: mit dabei sind Quickstart-Guide, Kopfhörer, Ladegerät, USB-Kabel und ein Gummiüberzieher.

Fazit
Ich sehe hier bei mir selbst, wie “Emotion” auch zu einem Kauf führen kann, denn rein von den nüchternen Fakten, Features oder Möglichkeiten unterscheidet sich das Lumia 800 nicht wesentlich von meinem über ein Jahr alten LG E900 oder dem Omnia 7. Klar, das LG hat kein AMOLED Display und in den älteren Geräten ist eine schwächere CPU, aber das hat ja bisher auch nicht gestört. Und dennoch ist das Gesamtergebnis einfach… fesch. Und letztlich,… Spezifikationen sind das eine, Emotion eben das andere. Das kann man derzeit auch auf vielen US Seiten mitbekommen, während das HTC Titan II relativ wenig Aufmerksamkeit bekommt, stürzt sich alles auf das Lumia 900 (welches mir zu groß wäre), exemplarisch: Phonedog.
Somit lautet mein Fazit: Nokia ist wirklich auf dem richtigen Weg und das Lumia 800 ein Hingucker - also was soll’s, ich hab’s mir gekauft und bin sehr happy. In cyan natürlich. Cooool.