Der Artikel zu „Drama: Vorinstallationen - Warum ist Vista so langsam?“ hat ja großen Anklang gefunden, dabei ist ein Kommentar untergangen (zumindest hat niemand darauf reagiert), der eigentlich nicht unspannend ist:
„Vielleicht nur eine kurze Anmerkung: Wir beobachten in letzter zeit auch verstärkt den Trend das auch bei Serversystemen mit Trialware "experimentiert" wird - speziell in diesem Umfeld setzen sich dann Performanceprobleme natürlich auch auf die Clients fort.....und MSFT ist dann auch Schuld wenn das Abrufen der Exchange Daten extrem lange dauert....
@Zertifizierungen durch MSFT: Jeder Direkte OEM hat eine sogenannte WHQL Zertifizierung nachzuweisen (das ist das Windows Logo auf dem Rechner!) - bei diesem angesprochenen Test ist auch herausgekommen das über 50% der Devices mit den getesteten Images die Zertifizierung nicht mehr bekommen würden.
Diese Learnings werden aus jetziger Sicht ebenfalls in die nächste Generation der Betriebssysteme Einzug halten - mit mehr Flexibilität für die OEM's jedoch mit mehr Qualitätskriterien für die Images.“
Warum das nicht unspannend ist? Nun neben der Info (vor allem bezüglich der Zertifizierungen!) der Umstand, dass dieser Kommentar von Werner Höllrigl kam und der ist nichts „Geringeres“ als der OEM-Chef (Director OEM) und Mitglied der Geschäftsleitung von Microsoft Österreich.
Das alleine wäre schon ein Grund dafür ein Interview zu führen, ein anderer ist , dass vistablog.at auch einen Blick hinter die Kulissen des Unternehmens werfen will (siehe About), da gibt’s mal vorrangig die Personen von Microsoft Österreich. Und deswegen hier aus der hiermit gestarteten Reihe „Faces“ die
Episode 1: Werner und das OEM Business.
Vistablog.at: Hallo Werner!
Werner: Servus.
Vistablog.at: Zum Aufwärmen eine „Drumherum-Frage“, wer bist Du, was machst Du, wie viele Mails bekommst Du und macht‘s Spaß?
Werner: Ich bin 39 Jahre alt, verheiratet, Vater einer 2 jährigen Tochter und seit 2 Jahren bei Microsoft. Meine Verantwortung liegt auf dem Geschäftsbereiche OEM (Original Equipment Manufacturer) also alle OEM Partner die unsere Software vorinstallieren. Also z.B. die großen wie HP, Dell, FSC, Toshiba, etc. sowie unsere lokalen Direktpartner in Österreich, eine Gericom, Chiligreen und eine Ecotec. Weiters natürlich auch die gesamte Systembuilder Community die im Moment ca. 3000 Partner in Österreich umfasst. Alle diese Partner betreut mein Team und ich mit Produkten aus den Units Windows, Office, Server und Windows Mobile.
Vistablog.at: Ok dass Du viele Mails bekommst dürfte klar sein, ebenso sieht man, dass es Spass macht, aber nun: Schonzeit vorbei, gehen wir es schärfer an, ich versuche ja den Ruf einer – wenngleich Microsoft-minded – so doch kritischen Berichterstattung zu halten: Was ist eine Zertifizierung wert, wenn die Geräte diese eigentlich zu unrecht tragen? Offenbar werden „saubere“ Geräte zur Zertifizierung eingereicht, die so aber nie vom Kunden kaufbar sind.
Werner: Wir haben die sogenannte WHQL Zertifizierung für unsere OEM Partner entwickelt – hierbei werden sowohl die Treiberthematik als auch die Kompatibilität zur Windows Update Engine sichergestellt. D.h. wenn die Zertifizierung positiv umgesetzt wurde kann sich der Kunde sicher sein das er die richtigen Treiber und auch die notwendigen Updates für alle diese Komponenten über die Windows Update Funktion erhält.
Nachdem wir als Microsoft keinem Hersteller vorschreiben wollen und auch nicht können welche Zusatzpakete er installiert kommt es mitunter immer wieder zu Konflikten und Kompatibilitätsproblemen untereinander – da unsere WHQL Zertifizierung einen Hardware Fokus mit unseren Betriebssystemprodukten hat – ist dies auf Applikationsebene natürlich besonders unangenehm da dann eben, wie von Dir im Artikel beschrieben, sehr hohe Grundauslastungsleistungen und oft massive Probleme bei den Modis Energiesparen, Hibernate oder einfach nur beim Herunterfahren entstehen.
Zusammengefasst also hat die Hardwarezertifizierung (ersichtlich am Windows Aufkleber aus dem Device) also nur Aussagekraft auf die Komponenten und deren Treibern bezugnehmend auf das jeweilige Betriebssystem.
(Anmerkung: Und wenn sich der Hersteller nicht daran hält,.. ganz interessant zu lesen: http://blogs.zdnet.com/Bott/?p=447&page=2)
Vistablog.at: Also sollten die OEM Partner nur die Hardware inkl. Betriebssystem ausliefern und auf den Rest verzichten – oder gibt es Alternativen?
Werner: Ich glaube das man folgendes natürlich auch bedenken sollte. Im Consumer Bereich ist es oft der massive Preiskampf der in der Branche die sogenannten Crapware Bonifikationen aufleben hat lassen. Jeder Virenhersteller, Suchmaschinenanbieter, DVD Player Entwickler, etc. zahlt heute dem OEM für die Integration seiner Trialversionen Bonifikationen – manche mehr manche weniger – im Endeffekt führt das in Summe zu einer Reduktion des Gesamtpreises für den Verbraucher – eigentlich o.k.
Da die Produkt- und Serienzyklen aber extrem kurz werden/sind ist oft eine ausführliche Testung aller Kompatibilitäten zwischen den Programmen und mit dem Betriebssystem nicht mehr kostentechnisch umsetzbar – und somit entstehen oft Probleme die dann oft auch auf Windows alleine zurückgeführt werden.
Vistablog.at: Wie komme ich als Käufer einer Hardware mit vorinstallierten Windows (und hundert Crapware Programmen) zu einer sauberen Installation? Datenträger liegt ja keiner bei.
Werner: Viele der OEM’s bieten sehrwohl eine „Neuinstallation ohne Zusatzsoftware“ als Option bei der Recovery-DVD/CD oder Partition an – sollte dies nicht möglich sein gibt es aus meiner Sicht 2 Möglichkeiten:
- Man geht zu seinem IT-Partner des Vertrauens und leiht sich seine Programm CD aus – Beim Neuaufsetzen des Devices der auf dem COA (Certificate of Authority)-Kleber angegebene Serial Key eingeben und die notwendigen Treiber (nicht alle Programme!) des OEM’s auf der Hersteller WebSite downloaden und installieren.
- Maschine nach dem Auspacken hochfahren – nach all den Routinen – alle Programme die nicht benötigt werden deinstallieren (hilft bereits 50% aller Probleme zu beheben)
Vistablog.at: Du gesagt, dass Du dich in den nächsten Wochen mit den Geschäftsführern der einzelnen OEMs unterhalten wirst. Wie wirst Du denen sagen „Bitte verzichtet auf Euer Geld“? Warum soll der OEM auf Norton verzichten, schuld ist eh Microsoft.
Werner: Mir geht es bei den Infogesprächen verstärkt um Themen wie:
- Brauchen wir so viel IT?
- Wie kann eine IT der nahen Zukunft für den Consumer und den Small Business Kunden aussehen?
- In welche Szenarien bewegen wir uns gemeinsam mit dem OEM in den nächsten Versionen unsere Betriebssystem hin?
- Brauche ich in 2 Jahren noch eine Tastatur?
Etc. Diese Info aus den Gesprächen gebe ich dann über meinen Blog raus…
(Anmerkung: Das Interview habe ich schon vor ein paar Tagen geführt, jetzt erscheint die Aussage "Brauchen wir noch eine Tastatur" plötzlich in einem ganz anderen Licht.)
Vistablog.at: Schützt Microsoft hier bewusst das Geschäftsmodell der OEM’s? Sonst könnte man doch einfach einen Download Link auf ein Image anbieten?
Werner: Es geht hierbei darum das die OEM’s im Zuge unserer Verträge die Freiheiten haben fast alle Applikationen ohne unser Wissen und zutun zu verwenden und zu installieren – dafür aber auch den Support dafür anbieten müssen – dies ist im OEM Bereich, nicht nur bei Microsoft, eine gängige Praxis. Natürlich ist es das Ziel von Unternehmen Geld zu verdienen – natürlich auch mit den Software Applikationen und dem Betriebssystem – dies ist legitim und notwendig um Reinvestitionen in F&E und Verbesserungen der Serviceleistungen finanzieren zu können.
Vistablog.at: Selbst wenn sich für Neukunden etwas ändert, weil ein Windows Anywhere Upgrade Datenträger beiliegt, was ist mit Kunden, die bereits gekauft haben? Zwingt man solche Kunden dann nicht in mehr oder minder gut funktionierende, aber sicher nicht supportete „Lösungen“, z.B. wenn ich einen Vista Datenträger inklusive SP1 haben will, aber nicht TechNet/MSDN oder Volumenslizenzkunde bin, sich diese mit Tools wie vlite zu basteln oder gar über Tauschbörsen herunterzuladen?
Werner: Die Vorteile für Kunden in allen Bereichen sollten einfach ersichtlich und auch in zumutbarer Weise erreichbar sein. Also Jeder unserer legalen Windows Kunden hat die Möglichkeit auf SP1 und später SP2 zuzugreifen. Auch kann ich als Endkunde mit der Auswahl der Version schon beeinflussen ob ich überhaupt die „höchste“ Version einer Software benötige – z.B. wenn mein Rechner die Möglichkeiten gar nicht ausspielen kann.
Der Trend in der Entwicklung alles hineinzupacken das ich benötigen könnte wird sich verlangsamen – wir bewegen uns mehr auf ein Modulbasierendes System zu indem ich verstärkt Komponenten dann nachlade wenn diese benötigt werden. Trotzdem können wir den Kompatibilitätsanspruch den wir über die Jahre aufgebaut haben z.b. wie Marktbegleiter Apple mit einem neuen Betriebssystem Release im Nischenbereich, nicht einfach komplett über Bord werfen – dafür sind wir zu vielen Unternehmen und Entwicklern schuldig dies auch weiterhin so weit es geht umzusetzen.
Vistablog.at: Das ist ja ein Problem, das nicht nur den Heimbereich betrifft. Du schreibst sogar von Trialsoftware auf Servern, also direkt im reinen Business-Bereich.
Werner: Durch den Trend dass vor allem kleine bis Mittlere Untenehmen (EPU-KMU) im Foodchain (Anmerkung: Gemeint sind Supermärkte wie Aldi/Hofer) und im Retail kaufen – dort gibt es auch keine definierten Business Maschinen – verstärkt sich das Problem – da für einen Standarduser nicht erkennbar ist (oder auch ignoriert wird) wo der Unterschied zu sogenannten Business Maschinen ist… Siehe auch diesen Blogbeitrag.
Vistablog.at: Und kaufen Vista Home? Na gut, es könnte schlimmeres passieren. Aber gut, klar, dass das ein Problem ist, wenn die Vorinstallation diese Qualität hat.
Werner: Es geht hierbei um die Unterschiede zwischen den Business(Vista Business, Ultimate, Enterprise) und den Consumer SKU’s (Home Basic, Home Premium). Grundsätzlich sieht das Verwendungsszenario eines Business Devices in vielen Bereich komplett anders aus als im Heimbereich. Themen wie Domainintegration, Offline Files, Datensicherungsassistenten, Volumenschattenkopien, Windows Fax, etc. sind Dinge die in den Consumer SKU’s nicht oder nur eingeschränkt verfügbar sind. Zur Zeit eines der wichtigsten Themen die BitLocker Laufwerksverschlüsselung ist nur in den Ultimate und Enterprise SKU’s erhältlich – diese Funktionalität ist aber speziell für Business User die Ihren Laptop unterwegs verwenden extrem wichtig (Diebstahl!) – in Home User Devices ist aber oft auch kein TPM Chip integriert die die Verwendung z.B. nach einem Upgrade deutlich komplizierter und weniger nutzerfreundlich macht. (Anmerkung: Bitlocker mit USB statt TPM)
Vistablog.at: Ich zitiere: „Diese Learnings werden aus jetziger Sicht ebenfalls in die nächste Generation der Betriebssysteme Einzug halten - mit mehr Flexibilität für die OEM's jedoch mit mehr Qualitätskriterien für die Images.“ Kannst Du da schon etwas konkreteres dazu sagen? Wird es für OEM’s eine verpflichtende Clean-Install Recovery Variante geben?
Werner: Nein, wir werden den OEM’s auch in Zukunft nicht vorschreiben wollen und können welche Applikationen sie wie integrieren – aber es gibt einen Markttrend der absolut in diese Richtung geht – somit werden, davon bin ich überzeugt, unsere OEM’s auf diesen Markttrend reagieren und solche Produkte anbieten. Bzgl. der nächsten Versionen von Windows werden auf Betriebssystem Ebene sicherlich Funktionalitäten und verstärkte Möglichkeiten Einzug halten sauberere Deinstallationen vermehrt zu unterstützen. Auch werden wir hier den Trend für die 64Bit Versionen stärker spüren und aufgrund der Zertifizierungspflicht der Treiber auch eine Qualitätsverbesserung spüren.
Vistablog.at: Aber Du schreibst in dem Blog auch über ULCPC (Ultra Low Cost PC). Da fällt ja der XO des One Laptop per Child Projekts auch hinein. Hier ist es Microsoft gelungen, XP auf diesen Geräten lauffähig zu bekommen.
Werner: Wir haben ja seit geraumer Zeit für die Entwicklungsländer und für bestimmte Zielmärkte die Möglichkeit angeboten XP zu extrem günstigen Konditionen zu nutzen – Microsoft ist sich seiner Verantwortung im Bereich Entwicklung und Förderung von sozial und monetär Benachteiligten auf Internationaler, Nationaler sowie Regionaler Ebene bewusst – Wir betreiben aktive CSR sowohl unsere Mitarbeiter als auch die Führungskräfte.
Ich habe mich auf der Cebit ausgiebig mit dem XO Team in Österreich befasst und wir hatten ein interessantes Gespräch über die Funktionalitäten und Erweiterungsmöglichkeiten – Ich glaube das die Implementierung von Windows auf diesen Devices eine WIN-WIN-WIN Situation ist – sowohl für die Entwickler, die User, und die Staatlichen Organisationen drumherum.
Aus meiner Sicht werden ULCPC’s wie z.B. der EeePC von Asus in der ersten Welle als Surfstation also Nettop verwendet – wir sind schon gespannt wo sich die doch um einen höheren Preis angebotene Welle 2 (größeres Display) der OEM’s positioniert – wenn man bedenkt das man um den selben Preis ein 15“ Notebook ebenfalls bekommen könnte….
Anmerkung: dazu passt ganz gut das Video über OLPC & XP:
Vistablog.at: Ok, danke Werner! Letzte Worte noch an die Vistablog.at Leser?
Werner: Es geht mir so wie dem Problembehandlungsassistenten – wir benötigen Feedback um Entwicklungen in bestimmte Richtungen beeinflussen zu können – auch auf regionaler Ebene – eine Forum wie der Vistablog.at ist ein wichtiger Bestandteil dazu – auch wenn man nicht sofort Response dafür bekommt :)
PS: Ähm, ich glaube ich habe noch nie wirklich ein Interview geführt, war das ok so? Welche Fragen habe ich vergessen? Auch wenn Werner sicher nicht die Zeit hat, jetzt permanent zu antworten, ich bin mir sicher er liest die Kommentare, was würdet ihr fragen oder mitteilen? Kommentare willkommen.